Exil138 – Marlas Zeitreise

Heute ist der Tag 138 meines Exils.
Exil 138.

Neunzehnhundertachtunddreißig.
Ein Jahr, in dem Europa nicht in den Krieg stolpert – sondern sich ihm annähert, Schritt für Schritt, von allen Seiten.

Die großen Mächte wollen keinen Krieg.
Großbritannien und Frankreich sind vom Ersten Weltkrieg gezeichnet.
Ihre Gesellschaften sind kriegsmüde, ihre Eliten konfliktscheu.
Um fast jeden Preis soll Stabilität bewahrt werden – selbst, wenn dafür Spannungen verschoben statt gelöst werden.

Die Vereinigten Staaten bleiben fern.
Isolation ist ihre Politik.
Europa soll seine Probleme selbst regeln.

Diese Zurückhaltung ist kein Frieden.
Sie ist ein Vakuum.

Und in diesem Vakuum beginnt Politik, riskanter zu werden.

Deutschland agiert nicht in einer leeren Welt.
Jeder Schritt wird geprüft – nicht nur auf Machbarkeit, sondern auf Reaktion.
Und die Reaktionen bleiben oft aus.
Oder sie sind zögerlich.
Oder sie kommen in Form von Verhandlungen, Zugeständnissen, Kompromissen.

Im Inneren ist das System gefestigt.
Die Wirtschaft funktioniert.
Die Bevölkerung erlebt Ordnung, Beschäftigung, Normalität.
Und ein Staat, der Stabilität liefert, gewinnt Loyalität.

Doch außenpolitisch verschiebt sich etwas.
Nicht nur durch deutsche Entscheidungen – sondern durch das Zusammenspiel aller.
Grenzen werden verhandelbar.
Verträge relativ.
Sicherheiten brüchig.

1938 ist kein Jahr eines einzelnen Willens.
Es ist ein Jahr kollektiver Fehlkalkulationen.
Jeder hofft, der andere werde bremsen.
Jeder will Zeit gewinnen.
Und währenddessen wird der Spielraum enger.

Viele glauben noch, man könne den Lauf der Dinge steuern.
Mit Gesprächen.
Mit Abkommen.
Mit Zurückweichen.

Doch Systeme, die sich einmal in Bewegung gesetzt haben, reagieren nicht mehr auf Hoffnung.
Nur noch auf Kräfte.

Exil 138.
Der Krieg hatte viele Väter – und fast alle glaubten, sie könnten ihn verhindern, solange sie ihn nur nicht benennen.


Exile Chronicle
All previous (from 130 – earlier entries are on X/Twitter) and ongoing entries of my Exile Chronicle are collected and documented here:
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Marla Svenja Liebich is the author and publisher of Marlas Army.
On Marla’s Army, she publishes analyses, commentary, and personal accounts on social and political developments in Germany.

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