Teil 1 – Wie aus einer Person eine Geschichte gemacht wird

Podcast-Serie: ① Teil 1 · ② Teil 2 · ③ Teil 3 · ④ Teil 4 · ⑤ Teil 5 · ⑥ Teil 6

Dem Podcast liegt eine Erzählung zugrunde, die von Jana Merkel für den Mitteldeutscher Rundfunk entwickelt wurde. Bereits in der Einleitung wird der Zuschauer emotional vorpositioniert: Warnhinweise, Triggerformulierungen, der Hinweis, man solle die Inhalte nicht allein ansehen, falls man „empfindlich“ sei.

Damit wird ein Deutungsrahmen gesetzt, noch bevor Inhalte überprüfbar sind. Die Botschaft ist klar: Hier geht es um etwas Gefährliches, etwas Extremes. Wer zuschaut, soll sich bereits vorab sorgen.

Die Konstruktion einer Bedrohungsfigur

In sechs Teilen wird versucht, aus meiner Person eine geschlossene Bedrohungserzählung zu formen. Es ist von Hass, Hetze, Radikalisierungspotenzial und einem angeblichen Geschäftsmodell die Rede. Ermittlungsverfahren werden in großer Zahl erwähnt, jedoch ohne sauber zu differenzieren, was geprüft, was eingestellt und was tatsächlich jemals rechtskräftig verurteilt wurde.

So entsteht beim Publikum der Eindruck permanenter Schuld, obwohl der überwiegende Teil der Verfahren genau das Gegenteil belegt: fehlende Strafbarkeit.

Sprache als gezielte Abwertung

Auffällig ist nicht nur der Inhalt, sondern die Sprache. Ich werde durchgehend mit männlicher Anrede und falschem Namen bezeichnet, obwohl seit Jahren öffentlich bekannt ist, dass ich eine Frau bin. Diese permanente Fehlbezeichnung ist keine Petitesse. Sie stellt eine Form der Herabsetzung dar.

Gerade aus einem journalistischen Milieu, das sonst großen Wert auf sensible Sprache legt, ist diese Missachtung bemerkenswert. Sie sagt mehr über die Haltung der Erzählerin aus als über das Objekt ihrer Darstellung.

Recherche ohne Resonanz

Ein zentrales Element der Serie ist der Versuch, Personen aus meiner Vergangenheit vor die Kamera zu bringen. Die Autorin reist dafür durch verschiedene Städte, besucht frühere Orte, sucht Kontakt zu angeblichen Weggefährten.

Doch niemand spricht mit ihr. Weder ehemalige Bekannte noch frühere Mitstreiter noch sonstige Bezugspersonen. Diese vollständige Gesprächsverweigerung wird nicht als das benannt, was sie ist, sondern ersetzt durch Mutmaßungen, suggestive Fragen und eine dramaturgisch aufgeladene Leerstelle.

Dramaturgie statt Erkenntnis

Trotz des enormen Umfangs von sechs Folgen à rund 45 Minuten bleibt der tatsächliche Informationsgehalt gering. Es werden keine neuen Beweise präsentiert, keine belastbaren Netzwerke offengelegt, keine neuen Tatsachen enthüllt.

Die Wirkung entsteht nicht durch Fakten, sondern durch Musik, Schnitt, Wiederholung und emotionale Aufladung. Spannung wird erzeugt, wo inhaltlich wenig Substanz vorhanden ist.

Veröffentlichung mit Wirkung

Besonders problematisch ist der zeitliche Kontext. Die Serie erschien parallel zu laufenden Gerichtsverfahren und lief bis unmittelbar vor einer Amtsgerichtsverhandlung. Eine derart einseitige mediale Darstellung bleibt nicht folgenlos. Sie prägt Wahrnehmung, erzeugt Vorurteile und kann Einfluss auf das Klima nehmen, in dem juristische Entscheidungen getroffen werden.

Ob beabsichtigt oder nicht: Medien schaffen Realität im Kopf der Zuschauer – und diese Realität wirkt weiter.

Keine Gegenrede erwünscht

Erwähnenswert ist zudem, dass bei den zugehörigen YouTube-Videos die Kommentarfunktion deaktiviert ist. Eine öffentliche Einordnung, Widerspruch oder sachliche Gegenrede durch Zuschauer ist damit von vornherein ausgeschlossen.

Die Erzählung bleibt vollständig einseitig. Kritik ist nicht sichtbar, Diskussion nicht möglich. Wer schwere Vorwürfe erhebt, sich aber jeder offenen Auseinandersetzung entzieht, entscheidet sich bewusst gegen Transparenz und Diskurs.

Worum es hier tatsächlich geht

Diese Serie erzählt weniger über mich als über den Zustand eines medialen Systems, das starke Geschichten braucht – auch dann, wenn die Fakten sie nicht tragen.

Teil 1 soll deshalb nicht emotionalisieren, sondern einordnen.
Nicht empören, sondern sichtbar machen, wie Narrative konstruiert werden, wenn Substanz fehlt.


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2 Antworten zu „Teil 1 – Wie aus einer Person eine Geschichte gemacht wird”.

  1. Avatar von harmonymagnificentf45f704629
    harmonymagnificentf45f704629

    ….Puhh da brauchst du wirklich e

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  2. Avatar von Teil 2 – Schuld ohne Urteil: Wenn Verdacht zur Erzählung wird – In Marla we trust – Exil Tag 134

    […] ① Teil 1 · ② Teil 2 · ③ Teil 3 · ④ Teil 4 · ⑤ Teil 5 · ⑥ Teil […]

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