Podcast-Serie: ① Teil 1 · ② Teil 2 · ③ Teil 3 · ④ Teil 4 · ⑤ Teil 5 · ⑥ Teil 6
Dem zweiten Teil der Podcast-Reihe von Jana Merkel beim Mitteldeutscher Rundfunk liegt eine zentrale Verschiebung zugrunde:
Nicht mehr die Frage, was belegbar ist, steht im Vordergrund – sondern was sich erzählen lässt.
Der Fokus auf Ermittlungen statt Ergebnisse
Folge zwei kreist nahezu ausschließlich um Ermittlungsverfahren, Anzeigen und behördliche Prüfungen. Die bloße Existenz dieser Vorgänge wird dabei zur dramaturgischen Hauptaussage erhoben.
Was fehlt, ist die notwendige juristische Einordnung:
Der Unterschied zwischen Anzeige, Prüfung, Einstellung und Verurteilung wird nicht sauber herausgearbeitet.
So entsteht beim Publikum der Eindruck, Verfahren seien bereits Beweise. Tatsächlich belegen viele der genannten Vorgänge genau das Gegenteil: fehlende Strafbarkeit.
Verdacht als erzählerisches Stilmittel
Anstelle belastbarer Fakten arbeitet die Folge mit Andeutungen, Wiederholungen und suggestiven Formulierungen.
Begriffe wie „umstritten“, „problematisch“ oder „behördlich bekannt“ ersetzen eine klare Beweisführung.
Der Effekt ist bekannt:
Was oft genug wiederholt wird, verfestigt sich – auch dann, wenn es inhaltlich leer bleibt.
Die Umkehr der Unschuldsvermutung
Besonders problematisch ist, dass die Unschuldsvermutung faktisch außer Kraft gesetzt wird.
Nicht die Schuld muss belegt werden – sondern die Abwesenheit von Schuld scheint erklärungsbedürftig.
Damit wird ein Grundprinzip des Rechtsstaats in eine mediale Grauzone verschoben.
Der Podcast erzählt nicht, was rechtlich trägt, sondern was moralisch wirken soll.
Erzählte Nähe zu Behörden
Die Folge vermittelt eine subtile Nähe zu Ermittlungsbehörden, ohne deren Entscheidungen kritisch zu hinterfragen.
Einstellungen, Verfahrensbeendigungen oder fehlende Anklagen werden erwähnt, aber nicht gewichtet.
Stattdessen bleibt der Verdacht als emotionales Echo stehen – losgelöst vom Ergebnis.
Wirkung vor Inhalt
Auch in Teil 2 entsteht Spannung nicht durch neue Erkenntnisse, sondern durch Inszenierung:
Musik, Pausen, Betonungen und Wiederholungen erzeugen Dramatik, wo inhaltlich wenig Substanz vorhanden ist.
Der Podcast funktioniert damit weniger als Recherche – sondern als Stimmungsraum.
Warum dieser Teil besonders relevant ist
Gerade weil Folge zwei so stark auf Verfahren fokussiert, zeigt sie exemplarisch, wie leicht sich juristische Prozesse medial verzerren lassen.
Zwischen rechtlich geprüft und moralisch verurteilt klafft eine Lücke – und genau diese Lücke füllt die Erzählung.
Teil 2 macht damit sichtbar, wie aus Verdacht Bedeutung entsteht, wenn Einordnung fehlt.
Einordnung statt Empörung
Dieser Text soll nicht empören, sondern erklären.
Nicht verteidigen, sondern sichtbar machen, wie Schuld behauptet wird, ohne dass sie festgestellt wurde.
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📕 1984 – George Orwell
Ein Klassiker über Überwachung, Sprachmanipulation und die gezielte Konstruktion von Feindbildern. Kaum ein anderes Buch zeigt so klar, wie durch permanente Wiederholung und moralische Rahmung aus Menschen Bedrohungen gemacht werden.
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Eine psychologische Analyse darüber, wie Systeme, Rollen und öffentliche Zuschreibungen Menschen verändern – und wie moralische Etikettierung zur Entmenschlichung beiträgt.

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