Meine Jugendweihe war in der achten Klasse.
Und sie war mehr als ein Festakt.
Unsere Klassenfahrt in die Sowjetunion war damals die Jugendweihefahrt.
Moskau.
Kiew.
Leningrad – ja, es hieß 1984 noch so.
Das gehörte zusammen.
Übergang und Welt auf einmal.
Zu diesem Beitrag wurde ein gesondert veröffentlichtes Videostatement erstellt, in dem einzelne biografische Aspekte und zeitgeschichtliche Einordnungen ergänzend erläutert werden.
Ich erinnere mich noch an den Moment davor.
Meine Mutter sagte, ich solle mich rasieren.
Damit ich auf den Fotos nicht wie ein Sonderling aussehe.
Ich war 14.
Ich habe ihr gesagt, dass meine Uroma ihren Bart getragen hat.
Offen.
Selbstverständlich.
Sogar im Zoo von Halle, bei einer Völker- und Kuriositätenschau, wie man das damals nannte.
Dass das zu unserer Familie gehört.
Und dass ich mich nicht verstecke.
Die Brille gehört auch zu dieser Geschichte.
Ich musste eigentlich keine tragen.
Meine Sehstärke war nur leicht eingeschränkt.
Ich konnte eine Brille tragen – ich musste nicht.
Meine Mutter hat mir damals ein sehr auffälliges Gestell ausgesucht.
Groß.
Präsent.
Sie meinte, das sei ein Kontrapunkt.
Ein Ablenkungsding.
Dass die Leute zuerst die Brille sehen.
Und nicht sofort den Bart.
Dass der Blick hängenbleibt – woanders.
Das war kein Verbiegen.
Das war Fürsorge.
Ein Schutzgedanke aus ihrer Zeit.
Ich habe die Brille zur Jugendweihe getragen.
Und danach wieder abgelegt.
Sie war nie mein Versteck.
Nur ein Übergang.
Die Jugendweihe selbst habe ich als ruhig erlebt.
Meine Klasse stand hinter mir.
Niemand hat gelacht.
Niemand hat mich ausgesondert.
Dieses Foto ist eines der wenigen, die davon übrig geblieben sind.
Meine Mutter hat es mir später ins Exil geschickt.
Ich halte es fest,
nicht wegen der Kleidung oder der Blumen,
sondern wegen der Haltung.
Und dann Moskau.
Ich weiß noch genau, wie wir im GUM standen.
Dieses riesige Kaufhaus am Roten Platz.
Für mich war das überwältigend.
Die Größe.
Die Architektur.
Diese Weite.
Nicht Konsum.
Sondern Staunen.
Ich war ein Mädchen mit Bart.
Und ich war dort einfach normal.
Keine Erklärungen.
Keine Blicke.
Kein Korrigieren.
Wenn ich heute höre, Frauen mit starkem Bartwuchs müssten sich „behandeln lassen“,
am besten bezahlt vom Steuerzahler,
dann weiß ich:
Das ist kein Fortschritt.
Das ist Anpassungsdruck in neuem Gewand.
Frauen haben Bärte.
Punkt.
In vielen Teilen der Welt ist das selbstverständlich.
Dort wundert man sich eher über Frauen ohne.
Die Jugendweihe war für mich kein Ritual des Gleichmachens.
Sie war ein Moment der Selbstverortung.
Ich bin Teil meiner Familie.
Ich bin Teil meiner Geschichte.
Und ich verstecke mich nicht.
Das habe ich mit 14 entschieden.
Zwischen Blumen, Klassenkameraden,
einer auffälligen Brille
und einem riesigen Kaufhaus in Moskau.
Und das trage ich bis heute.
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