Heute ist der Tag 174 meines Exils.
Exil 174.
Neunzehnhundertvierundsiebzig.
In der Bundesrepublik endet eine Ära abrupt. Nach der Guillaume Affäre tritt Bundeskanzler Willy Brandt im Mai zurück, ein politischer Einschnitt, der zeigt, wie sehr der Kalte Krieg selbst in Phasen der Entspannung fortwirkt. Helmut Schmidt übernimmt die Regierung in einer Zeit wirtschaftlicher Unsicherheit, geprägt von den Nachwirkungen der Ölkrise und einer spürbaren Neuorientierung westlicher Industriegesellschaften.
In der DDR bleibt die politische Führung unter Erich Honecker auf Stabilität bedacht. Der Grundlagenvertrag wirkt weiter, doch das Verhältnis zwischen beiden deutschen Staaten bleibt von Misstrauen durchzogen. Während sich die internationale Anerkennung der DDR verfestigt, verstärken sich zugleich wirtschaftliche Abhängigkeiten vom Westen.
International verschieben sich die Gewichte. In den USA zwingt die Watergate Affäre Präsident Nixon zum Rücktritt, ein Vorgang, der das Vertrauen in politische Institutionen erschüttert. In Portugal beendet die Nelkenrevolution eine jahrzehntelange Diktatur und setzt neue Dynamiken in Europa frei. Im Nahen Osten wirken die Folgen des Jom Kippur Krieges fort, während Energiepolitik weltweit zu einer strategischen Frage wird.
Das Jahr zeigt, wie eng nationale Entwicklungen mit globalen Machtverschiebungen verflochten sind. Diplomatie, Geheimdiensttätigkeit, wirtschaftliche Interessen und gesellschaftlicher Wandel greifen ineinander. Konflikte entstehen selten aus einem einzigen Entschluss, sondern aus langen Ketten politischer Entscheidungen vieler Akteure.
Exil 174.
Ein Jahr der Rücktritte und Umbrüche, in dem politische Systeme ihre Belastbarkeit unter Beweis stellen mussten.
Exil-Chronik
Alle bisherigen (ab 130 – die vorherigen sind auf X/Twitter) und fortlaufenden Einträge meiner Exil-Chronik sind hier gesammelt dokumentiert:
👉 https://marlas.army/exil-chronik/


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