Heute ist der Tag 176 meines Exils.
Exil 176.
Neunzehnhundertsechsundsiebzig.
In Deutschland stehen Ost und West weiter nebeneinander, verbunden durch Verträge und getrennt durch Systeme. In der Bundesrepublik wird Helmut Schmidt im Herbst im Amt bestätigt, während wirtschaftliche Unsicherheiten und die Nachwirkungen der Ölkrise die Politik bestimmen. Stabilität bleibt das Ziel, doch sie ist das Ergebnis ständiger Aushandlung zwischen Parteien, Interessenverbänden und internationalen Verpflichtungen.
In der DDR markiert der IX. Parteitag der SED den Anspruch auf Kontinuität und sozialistische Geschlossenheit. Gleichzeitig zeigt die Selbstverbrennung des Pfarrers Oskar Brüsewitz im August, wie stark Spannungen zwischen Staat und Kirche geworden sind. Im November wird der Liedermacher Wolf Biermann nach einem Konzert im Westen ausgebürgert, ein Schritt, der internationale Reaktionen auslöst und auch im Inneren Widerspruch sichtbar macht. Entscheidungen einzelner Führungsgremien entfalten Wirkung weit über den Moment hinaus.
Weltweit verschieben sich Gewichte. In den USA gewinnt Jimmy Carter die Präsidentschaftswahl und kündigt eine stärker menschenrechtsorientierte Außenpolitik an. In China erschüttern das schwere Erdbeben von Tangshan und der Tod Mao Zedongs das Land, während die Nachfolgefragen eine neue Phase einleiten. In Südafrika führt der Aufstand von Soweto die Härte des Apartheidregimes vor Augen und verschärft die internationale Isolation.
Politische Systeme wirken gefestigt, doch unter der Oberfläche verändern sich Erwartungen, Loyalitäten und Machtkonstellationen.
Exil 176.
Ein Jahr, in dem Entscheidungen und Erschütterungen zugleich die Richtung der kommenden Jahrzehnte vorbereiten.
Exil-Chronik
Alle bisherigen (ab 130 – die vorherigen sind auf X/Twitter) und fortlaufenden Einträge meiner Exil-Chronik sind hier gesammelt dokumentiert:
👉 https://marlas.army/exil-chronik/


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