„Frau mit Bart“ – Dieses Foto ist von 1977. Und es beendet die Debatte.

Ich teile normalerweise keine intimen Familienbilder. Nicht, weil ich mich dafür schäme – sondern weil Familie etwas ist, das man schützt. Aber irgendwann ist Schluss mit dem Spiel, das manche Leute mit mir treiben.

Ein ergänzendes Videostatement mit dokumentierender Einordnung wurde separat veröffentlicht und ist hier abrufbar.

Seit Monaten hängen sich Menschen an einem einzigen Detail auf: an meinem Bart. Und plötzlich soll das reichen, um alles infrage zu stellen. Meine Identität. Mein Geschlecht. Mein ganzes Leben. Als wäre ein Bart ein amtlicher Stempel. Als würde ein bisschen Körperhaar darüber entscheiden, ob jemand „wirklich“ eine Frau ist oder nicht.

Also mache ich jetzt etwas, was ich eigentlich nie machen wollte: Ich lege es offen auf den Tisch. Schwarz auf Weiß. Bild für Bild.

Dieses Foto stammt aus dem Jahr 1977 – aus einem alten Familienalbum. Einschulung. Vier Generationen Frauen meiner Familie. Keine Story, kein Filter, kein Internet, kein „künstlich erzeugt“. Ein echtes Foto aus einem echten Leben.

Darauf zu sehen sind meine Mutter, meine Großmutter und sogar meine Urgroßmutter – die Frau mit dem Hut. Und ich als Kind davor.

Und ja: Auch damals war das schon sichtbar. Auch damals war das schon Thema. Nicht, weil ich “anders sein wollte”, sondern weil es eben so war. Weil manche Frauen nun einmal Körperbehaarung haben. Weil manche Frauen einen Bartwuchs entwickeln. Und weil Menschen sich lieber über andere erheben, als einfach zu akzeptieren, dass Natur nicht in ihre Schubladen passt.

In meiner Familie war das nicht nur „ungewöhnlich“, sondern ein generationsübergreifendes Stigma. Meine Urgroßmutter war in ihrer Zeit sogar gezwungen, in sogenannten Kuriositäts- und Völkerschauen aufzutreten – als „Frau mit Bart“. Für ein paar Pfennige. Für das Gaudium anderer. Und wer glaubt, das sei ein harmloser Zirkusgag gewesen, der hat nicht verstanden, was es bedeutet, wenn ein Mensch zur Attraktion gemacht wird, nur weil sein Körper nicht in das Bild passt, das die Masse erwartet. Das war nicht lustig. Das war nicht freiwillig. Das war Demütigung.

Und genau diese Demütigung hängt wie ein Schatten an einer Familie. Meine Mutter hat mich später zur Jugendweihe sogar genötigt, den Bart abzurasieren. Nicht, weil sie mich hasste – sondern weil sie Angst hatte. Weil sie wusste, wie Menschen sind. Weil sie wusste, wie gnadenlos man wird, sobald jemand nicht “normal” wirkt. Vielleicht gibt es davon sogar noch Fotos – ich muss sie irgendwann raussuchen. Aber schon diese Erinnerung zeigt: Es geht nicht um „Eitelkeit“. Es geht nicht um „Style“. Es geht um Druck. Um Anpassung. Um Scham, die einem von außen aufgezwungen wird.

Ich habe mich lange versteckt. Ich habe mich rasiert, damit es nicht auffällt. Ich habe mich klein gemacht, damit andere sich nicht aufregen. Ich habe mich sogar zeitweise als Mann ausgegeben, einfach um dieser ständigen Fixierung zu entkommen – diesem Blick, der nicht fragt, wie es dir geht, sondern nur: „Was bist du denn?“

Und genau das ist der Kern: Dieses Thema ist nicht oberflächlich. Es ist psychologisch belastend. Es ist ständige Stigmatisierung. Es ist ein permanentes „Du bist falsch“. Und es ist erschreckend, wie viele Menschen im Jahr 2026 immer noch glauben, sie könnten ein Geschlecht an einem Bart festmachen.

Ein Bart ist kein Beweis für irgendetwas – außer dafür, dass ein Körper Haare wachsen lässt. Punkt.

Und während man in Mitteleuropa oft so tut, als wäre das eine absolute Ausnahme, zeigt ein Blick in die Welt: Frauen mit stärkerer Körperbehaarung gibt es überall. Je nach Herkunft, Genetik, Hormonhaushalt, Alter oder einfach Veranlagung. Und in manchen Regionen dieser Erde ist das nicht einmal ein Thema. Dort wird nicht die Frau mit Bart ausgelacht – dort gilt es eher als normal, als Zeichen von Reife oder Stärke, und manchmal ist sogar das Gegenteil der Fall: Dort ist es eher ungewöhnlich, wenn eine Frau keine sichtbare Behaarung hat.

Das Problem sitzt nicht im Gesicht. Das Problem sitzt im Kopf.

Ich mache diesen Beitrag nicht, um Mitleid zu bekommen. Ich mache ihn auch nicht, um mich „zu rechtfertigen“. Ich mache ihn als Klarstellung. Als Grenze. Als Beleg. Weil die Hetze, die ich inzwischen sogar aus Behörden, aus Institutionen und aus irgendwelchen angeblich “seriösen Kreisen” erlebe, so dreist geworden ist, dass ich nicht mehr schweigen werde.

Wer also künftig meint, meinen Bart als „Argument“ gegen meine Identität nutzen zu können, dem sage ich: Das Foto ist von 1977. Und es ist real.

Ich bin eine Frau. Ich war es als Kind. Ich bin es heute. Und ich werde mich nicht mehr dafür entschuldigen, dass ich existiere.

#FrauMitBart #Familie #FreeMarla



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Marla Svenja Liebich ist Autorin und Herausgeberin von Marlas Army.
Auf Marlas Army veröffentlicht sie Analysen, Kommentare und persönliche Berichte zu gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen in Deutschland.
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