Liebichs Stasiakte (1988): Was die DDR über mich schrieb

Es gibt Dinge, die vergisst man nicht.
Nicht, weil sie spektakulär waren – sondern weil sie dir zeigen, wie ein System wirklich funktioniert.

Ich war nicht erst „seit gestern“ unbequem.
Nicht erst, seit ich öffentlich spreche.
Nicht erst, seit ich auf Social Media sichtbar bin.

Schon 1988 war die Staatssicherheit der DDR auf mich aufmerksam geworden.

Nicht, weil ich jemandem etwas angetan hätte.
Nicht, weil es einen „Tatvorwurf“ gab.
Sondern weil ich in den Augen des Systems nicht ordentlich funktionierte.

Ein ergänzendes Videostatement mit Auszügen aus der Stasiakte und deren zeitgeschichtlicher Einordnung wurde gesondert veröffentlicht.

Subkultur war in der DDR kein Spaß – sie war ein Signal

Ich war damals subkulturell unterwegs. Punk, Gothic, einfach anders.
Und wer heute denkt, das sei nur „Jugendkram“ gewesen, versteht nicht, wie klein der Spielraum in der DDR wirklich war.

In einer mittelgroßen Stadt im Bezirk Halle – damals hieß das so – warst du bekannt, wenn du auffällig warst. Und „auffällig“ konnte schon heißen: andere Kleidung, andere Haltung, eine eigene Sprache, keine Angst vor Konflikten.

Subkultur bedeutete nicht Gewalt. Bei uns war das keine Szene, die sich gegenseitig die Fresse einschlug. Es war Jugendkultur. Ausdruck. Freiheit im Kleinen.

Aber die DDR war nicht für Freiheit gemacht. Sie war gemacht für Kontrolle.

„Frau Liebich, da sind schon wieder ein paar Herren für Sie.“

Ich habe Schlosserin gelernt, Maschinen- und Anlagenmontage.
Werkhalle, Bohrmaschine, Schichtbetrieb – das echte Leben.

Und plötzlich war die Stasi da. Zivil. Demonstrativ.
Nicht im Ton von: „Dürfen wir kurz sprechen?“
Sondern im Ton von: „Sie kommen jetzt mit.“

Ein Kollege kam zu mir und sagte diesen Satz, der sich eingebrannt hat:

„Frau Liebich, da sind schon wieder ein paar Herren für Sie.“

Damals war dir klar: Du gehst mit.
Heute – mit Abstand – weiß ich: Ich hätte Fragen stellen müssen.
Wer seid ihr? Warum? Auf welcher Grundlage? Wo ist der Vorwurf?

Aber in einem Stasi-Staat war das nicht die Realität.
Man ging, weil man wusste, wie schnell „Widerspruch“ gefährlich werden konnte.

Aus heutiger Sicht wirkt es auf mich wie Abtasten. Druck. Einschüchterung.
Und ja – auch wie Anwerbeversuche.
Aber ich war dafür nie empfänglich. Ich habe nicht mit denen geschwatzt. Ich habe mich nicht einwickeln lassen.

Damit niemand behaupten kann, ich würde übertreiben, dokumentiere ich hier einen Auszug und lese ihn auch öffentlich vor.


Lesetext – Auszug aus der Stasiakte (1988)

(Ich lese den folgenden Text ausdrücklich als Vorlese-Zitat. Geschwärzte Stellen sind im Original geschwärzt. Pronomen habe ich weiblich gesetzt.)

„Aufklärungsbericht. Halle, den 22.11.1988.

Lehrling: [geschwärzt]
Liebich, [geschwärzt]
geboren am 19.09.1970 in Merseburg
wohnhaft: Halle/[geschwärzt], Rudolf-Breitscheid-Straße 48
beschäftigt: VEB Baumechanisierung Halle
Maschinen- und Anlagenmontage [geschwärzt]

In der gegenwärtig im 2. Lehrjahr befindlichen Klasse, in welcher sich Liebich befindet, ist eine gelenkte Klasse, die aus insgesamt 24 Lehrlingen besteht. Sie hat sich zu einem Ehrendienst bei der [geschwärzt] verpflichtet und bekam dazu Verpflichtungen auferlegt, darunter waren auch Lehrlinge, welche schon bis zur 10. Klasse über sehr schlechte Noten verfügten.

Von diesen 24 Lehrlingen sind bereits im 1. Lehrjahr sechs Lehrlinge von einem Dienst bei der [geschwärzt] abgesprungen und zogen ihre Verpflichtung zurück, und gegenwärtig steht diese Verpflichtung auch vor weiteren Lehrlingen.

Liebich selbst hat sich für einen Dienst von [geschwärzt] noch nicht entschlossen und verpflichtet. Gegenwärtig ist sie von [geschwärzt] und hat diese Verpflichtung.

Sie selbst hat sehr gute bis gute Noten in der theoretischen und praktischen Ausbildung und verfügt über ein logisches Denkvermögen. Es ist zu verzeichnen, dass die anderen Lehrlinge bei der Lösung bestimmter Aufgaben noch überlegen, dann hat Liebich schon das Ergebnis heraus. Weiterhin setzt sie sich mit allen Problemen der Weltpolitik auseinander.

Ein provokatorisches Verhalten wurde diesbezüglich noch nicht festgestellt.

Von ihrem Wesen her ist sie gründlich und aufgeschlossen und hat zu den Mitlehrlingen ein kameradschaftliches Verhalten. Einen engen Freund besitzt sie unter den Mitlehrlingen nicht.

Im Auftreten gegenüber Pädagogen, Lehrmeistern und Lehrfacharbeitern ist sie vorlaut und neigt zur Überheblichkeit. Dies geht so weit, dass sie gegenüber diesem Personenkreis provozierend auftritt, indem sie diese Personen aus der Reserve locken will. Dabei weiß sie genau, wie weit sie gehen darf, und sie kennt sich betreffs rechtlicher Bestimmungen bestens aus.

Liebich neigt dazu, öfter eine ‚Kasse‘ zu machen.

Vom 14.10.1988 bis 28.10.1988 war sie krankgeschrieben. Am 31.10.1988 nahm sie am theoretischen Unterricht teil, fiel aber erneut unangenehm auf, weil sie wohl eine Zuchtratte mit in die Schule brachte und diese im Klassenzimmer herumlaufen ließ. Durch den Lehrer wurde sie deshalb der Klasse verwiesen.

Vom 01.11.1988 bis 14.11.1988 war sie erneut krankgeschrieben, seitdem geht sie wieder ihrer Arbeit nach.

Im theoretischen Unterricht stört sie fast immer und sie hört auch nicht auf Ermahnungen ihrer Klassenkameraden.

Ein Spitzname ist unter den Lehrlingen nicht bekannt. Nach Angaben des Lehrmeisters, Genossen Große, hat Liebich von der Frisur her ein eigenartiges Aussehen.

Die Haare sind blond gefärbt, an den Seiten kurz, eine längere Strähne fällt nach links (wie bei Hitler, nur ohne Scheitel). Eine Begründung für dieses Aussehen wurde bisher nicht gegeben und es wurde auch nicht darüber diskutiert.“**


Mein Nachsatz: Und heute wirkt es schlimmer – weil es subtiler ist

Ich verkläre die DDR nicht. Niemals.

In der DDR gab es Menschen, die wegen Republikflucht in Haft kamen.
Wegen Worten. Wegen Widerstand. Wegen politischen Aktionen.
Wegen echter Opposition.

Und genau deshalb ist es so bitter, was heute passiert.

Mein Gefühl ist: Heute sind die Methoden oft feiner, aber die Reichweite ist größer.
Nicht mehr nur eine Stasi, die offen existiert – sondern ein ganzer Apparat aus Meldestellen, Druckmitteln, Bürokratie, sozialen Sanktionen und digitaler Kontrolle.

Und während damals klar war, dass du in einer Diktatur lebst, wird es heute als „Schutz“, als „Prävention“, als „Fürsorge“ verkauft.

Für mich ist das eine Art Gesundheitsdiktatur, verbunden mit einer massiv gewachsenen Überwachungsstruktur.
Mehr Organe. Mehr Daten. Mehr Zugriff. Mehr Eingriffe.

Und ich frage mich ganz ehrlich:
Hat es diese Dichte an Kontrolle, diese Selbstverständlichkeit, jemals auf deutschem Boden gegeben?

Damals wolltest du nicht auffallen.
Heute sollst du nicht abweichen.

Und ich werde weiterhin abweichen.



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Marla Svenja Liebich is the author and publisher of Marlas Army.
On Marla’s Army, she publishes analyses, commentary, and personal accounts on social and political developments in Germany.
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One response to “Liebichs Stasiakte (1988): Was die DDR über mich schrieb”

  1. Hallo, wir sortieren gerade unsere über 1 000 Seiten Stasi Artikel

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