Exil139 – Marlas Zeitreise

Heute ist der Tag 139 meines Exils.
Exil 139.
Neunzehnhundertneununddreißig.
Europa steht in einem Zustand gespannter Erwartung. Jahre politischer Instabilität, wirtschaftlicher Erschütterungen und ungelöster Nachkriegsordnungen verdichten sich zu einem Moment, in dem Entscheidungen kaum noch rückgängig zu machen sind. Die internationale Ordnung wirkt formell noch vorhanden, doch ihr Fundament ist brüchig.
Diplomatische Abkommen existieren, werden aber zunehmend als taktische Werkzeuge verstanden. Mächte sichern Einflusssphären, testen Grenzen und reagieren aufeinander in Ketten von Maßnahmen und Gegenmaßnahmen. Sicherheit wird nicht mehr gemeinsam gedacht, sondern national definiert.

Auch außerhalb Europas verändern sich die Gewichte. In Asien ist der Konflikt zwischen Japan und China längst offen, koloniale Interessen prägen politische Kalküle, und die Vereinigten Staaten beobachten, ohne sich binden zu wollen. Weltpolitik ist nicht isoliert, sie ist ein Geflecht aus Abhängigkeiten und Reaktionen.
Das Jahr ist geprägt von der Vorstellung, dass Stärke Abschreckung erzeugt. Aufrüstung erscheint vielen Regierungen als notwendige Vorsorge, nicht als Provokation. Diese Logik wird von mehreren Seiten geteilt und verstärkt sich selbst.
Verträge verlieren an Bindungskraft, Vertrauen weicht strategischem Misstrauen. Entscheidungen entstehen unter Zeitdruck, gespeist aus Angst, Prestige und historischen Erfahrungen. Kriege haben viele Väter, und ihr Entstehen ist selten das Werk eines einzelnen Willens.

Neunzehnhundertneununddreißig markiert keinen plötzlichen Bruch, sondern den Punkt, an dem lange Entwicklungen ineinandergreifen. Die Welt tritt in eine Phase ein, deren Ausgang niemand überblickt, getragen von der Illusion, Kontrolle behalten zu können.
Exil 139.
Ein Jahr, in dem Geschichte beschleunigt wird.


Exil-Chronik
Alle bisherigen (ab 130 – die vorherigen sind auf X/Twitter) und fortlaufenden Einträge meiner Exil-Chronik sind hier gesammelt dokumentiert:
👉 https://marlas.army/exil-chronik/

Marla Svenja Liebich ist Autorin und Herausgeberin von Marlas Army.
Auf Marlas Army veröffentlicht sie Analysen, Kommentare und persönliche Berichte zu gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen in Deutschland.

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